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Erfahrungen eines passionierten Liegedreiradfahrers

Erfahrungen eines passionierten Liegedreiradfahrers

Berichte des Jahres 2016 bei ICE Sprint besitzer Balazs:

Ich heiße Balazs, komme aus Ungarn, lebe aber seit knapp sieben Jahren in Wien. Ich fahre mittlerweile seit mehr als 23 Jahren Rad, die Vorliebe für das Dreiradfahren packte mich jedoch erst vor zwei Jahren, als mein Liegetrike von Peter Osterversnik gefertigt wurde. Da man solche Räder eher selten auf der Straße sieht, hatte ich sie früher nur im Internet bewundert und studiert. Händler in Österreich sind kaum zu finden, zu Peter bin ich dank meiner besten Freundin – die sich gerade auf einer Radweltreise befindet – gekommen. Peter stand mir mit seiner fachlichen Kompetenz zur Seite, anhand seiner vieljährigen Erfahrung, seiner professionellen Vorschläge und nicht zuletzt aufgrund seiner Leidenschaft für das Tourenfahren konnte ich mir ein Bild davon schaffen, wofür ein Liegedreirad eigentlich bestimmt ist und was mit so einem Gefährt alles machbar ist. Man kann ruhig sagen, ein Liegedreirad ist ein Spielzeug für Erwachsene und zwar ein sehr seriöses Spielzeug. Die meisten Menschen verbinden jedoch das Dreiradfahren mit einer körperlichen Einschränkung gewissen Grades und wenn ich unterwegs angesprochen werde, lautet zu 90 % die erste Frage: “Sind Sie/bist du denn behindert?” Nun, ich kann das Gegenteil bestätigen, ich bin gesund, zumindest körperlich 😉 Denn die nächste Frage der Bewunderer bezieht sich bereits auf die Psyche:

“Das alles machst du mit dem Rad, da hinauf radeln ohne ein einziges Mal abzusteigen und zu schieben? Warum machst du das? Ich will es nicht glauben, das ist doch verrückt.”

Genau darin liegt für mich das gewisse Etwas, sowohl in der Verrücktheit als auch der dazu gehörenden Freiheit, die meine besondere Leidenschaft für das Dreiradfahren ausmachen.

Ich besitze ein ICE Sprint mit 20“ Rädern und einer 30-Gänge-Kettenschaltung, zusätzlich wurde ein Sram DualDrive III eingebaut. Für viele mag es technisch bestimmt übertrieben sein und ich würde gewiss auch mit weniger Schaltoptionen zurechtkommen, jedoch will ich bei Bergauffahrten meine Gänge und die hervorragende Übersetzung nicht mehr vermissen. Damit konnte ich selbst mit bepacktem Rad eine 24-prozentige Steigung ohne Schwierigkeiten bezwingen.

Logischerweise nicht mit rasender Geschwindigkeit, denn Liegedreiräder sind bekanntlich langsamer bergauf, dafür kann ich so langsam fahren, wie ich will ohne absteigen oder schieben zu müssen. Es besteht keine Gefahr umzukippen, selbst 1,5 km/h sind kein Problem. Das Panorama lässt sich bequem sitzend oder liegend genießen, und das bei völlig normaler Atmung mit entspanntem Oberkörper. Was mir besonders gut gefällt, sind die Trommelbremsen. Diese sind absolut wartungsarm, sehr stabil und leistungsstark, egal ob nass oder trocken dank des geschlossenen Gehäuses, es ist immer ein riesen Spaß, mit solch einer qualitativen “Schutzausrüstung” bergab unterwegs zu sein. Zusätzliche Hilfe bietet die hintere mechanische Scheibenbremse Avid BB7, welche auch als Parkbremse ihre Funktion zu erfüllen hat. Es ist großartig, auf einer “brutalen” Steigung ohne weiteres stehen bleiben und ein paar Fotos schießen zu können, sogar ohne abzusteigen. Wer noch keine Gelegenheit gehabt hat, ein Liegedreirad zu fahren, der sollte sich zumindest eine ausgiebige Probefahrt gönnen und dabei verschiedene Modelle ausprobieren. Peter macht dies alles möglich.

Als habe ich im Dezember 2014 einen Anruf erhielt, das mein Dreirad zur Abfahrt bereit ist, war ich natürlich überglücklich. Trotz Winter absolvierte ich mit Feuer und Flamme meine ersten Kilometer (ungefähr 500km in wenigen Tagen). Meine erste Tour habe ich spontan, ohne größere Planung gemacht. Es gibt manchmal im Leben Momente, wo man das Gefühl hat: “Ich muss weg, ich muss aus der Tretmühle raus!” Dieses Gefühl schnappte auch mich, kurz darauf nahm ich zwei Wochen Urlaub und radelte nach Pula (Kroatien) und zurück. Es war meine erste größere Tour, die ich wohl nie vergessen werde.

Die Eindrücke, Erlebnisse und nicht zuletzt Begegnungen haben mich dabei fasziniert und waren eine starke Motivation immer wieder weiterzufahren und trotz nicht gerade guten Wetters nicht aufzugeben. Die Witterung ist natürlich nicht das Einzige, was einen auf so einer Reise beschäftigt; die ständige Suche nach einem geeigneten Zeltplatz, solange man in der Zivilisation unterwegs ist, ist gar nicht so einfach (einmal abgesehen von Campingplätzen). Ein weiterer “Störfaktor” ist der motorbetriebene Verkehr, denn ab und zu lässt es sich für den Reiseradler nicht vermeiden, auch auf verkehrsreichen Straßen seine Räder rollen zu lassen. Ich bin generell der Meinung, Liegedreiradfahrer haben es in dieser Beziehung leichter, da die Autofahrer mehr Rücksicht nehmen, vorsichtiger überholen. Ein Nachteil ist – was auch bei mir einige Male geschah – dass sich ein kleiner Stau, hervorgerufen durch intensive Beobachtung und Bewunderung vonseiten der Autofahrer, bildet. Ein Porsche oder ein Ferrari fallen heutzutage nicht mehr so richtig auf, im Falle eines Liegetrikes gilt das Gegenteil. Nach fünf Tagen erreichte ich schließlich Pula, wo ich zwei Tage blieb, dann musste ich die Rückreise antreten. Viele meiner Bekannten und Freunde sagten, ich sei verrückt so etwas mit dem Rad zu unternehmen, umso stärker wurde aber meine Entschlossenheit, die Tour durchzuführen. Ich war froh, dass mein Trike mit den von Peter empfohlenen Komponenten ausgerüstet wurde, wodurch es trotz der Anstrengung eine körperlich sehr entspannte Reise wurde.

Im Alltag benutze ich mein Rad regelmäßig um meine Eltern zu besuchen, die in Ungarn leben. Zwischen Wien und Szombathely lege ich dabei insgesamt 250km zurück, was ein gemütliches Wochenendprogramm darstellt. Dank der ungarischen Küche werden meine Kohlenhydratspeicher reichlich aufgefüllt, wonach ich mich ganz entspannt mit meinem Baby auf drei Rädern auf den Retourweg machen kann. Auch auf dieser Strecke werde ich häufig angesprochen und gründlich ausgefragt. Die Leute kennen Dreiräder nicht (falls doch, dann aus der Kindheit), zeigen aber reges Interesse: “Darf ich mich kurz draufsetzen? Darf ich eine kurze Runde drehen?” Gefragt, getan.

“Wow, wo kann man so etwas kaufen und wie viel kostet es? Es ist genial, bequem, ich bin total begeistert.”

Diese sind die üblichen Meinungen nach einer dreiminütigen “Probefahrt”. Einmal sprach mich ein älterer Mann (nach seiner Erzählung 92 Jahre alt!) an. Er hatte schwere Hörprobleme, leider waren auch seine Augen nicht mehr die jüngsten, aber geistig war er top und vom Dreirad derart begeistert, dass ich ihn eine Runde drehen ließ. Eine einzigarte Erfahrung sowohl für den älteren Herrn als auch für mich. Ich glaube zwar nicht, dass er sich ein Trike zulegen wird, aber die Freude in seinen Augen hat mich zu Tränen gerührt. Ich traue mich zu sagen, es dauert wohl nicht mehr lange und jeder – ob jung oder alt – will ein Dreirad fahren.

Auf die Fragen “Was kostet es?” erwidere ich immer, dass es einen Grundpreis gebe, darüber hinaus koste es genau so viel, wie man für sein Hobby oder seine Leidenschaft ausgeben möchte. Diese Räder lassen sich schließlich ganz individuell nach Belieben, Fahrtzwecken und Geldbeutel aufrüsten. Wenn ich darüber nachdenke und auf das Jahr hochrechne, was wir zum Beispiel alleine an Lebensmitteln entsorgen (aus dem Hauptgrund unnötiger Einkäufe), dann kann man sich damit bald ein Liegetrike leisten.

Meine persönliche Meinung den Kostenfaktor betreffend ist: es ist eine meiner großen Leidenschaften, es macht mich glücklich, ich bin sportlich und günstig unterwegs, es steigert meine Lebensqualität, der Wert ist für mich höher als der Preis. Auch der technische, professionelle Hintergrund ist gegeben, man muss sich also keine Sorgen machen: Was mache ich, wenn das Rad kaputt geht? Nun, kaputt gehen kann im Leben vieles, ein Dreirad genauso, wie ein herkömmliches Zweirad. Aber auch beim Liegerad handelt es sich meistens um handelsübliche Bestands- und Ersatzteile, deren Besorgung vielleicht nur in Südamerika ein Problem darstellt, wie ich das durch die Radweltreise meiner besten Freundin erfahren durfte, die sich gerade in Brasilien mit einem Tandem Hase Pino aufhält (siehe mehr auf wecycletheworld.wordpress.com).

Apropos Pannen: mein Trike ist mittlerweile 13.000km “alt” und ich habe bis jetzt noch keine Pannen erleben müssen. Bei 8.000km wurde die Kette gewechselt und jetzt muss ich das Innenleben eines Schalthebels wegen Abnutzung austauschen, die Kosten belaufen sich auf satte 15Euro. Ich bin also bei entsprechender Wartung und Pflege sehr günstig unterwegs. Als Peter vor kurzem bei meinem Rad ein Service gemacht hat, konnte er seinen Augen kaum glauben, dass etwa die Schwalbe-Marathon-Plus-Reifen in so einem guten Zustand sind. Sie scheinen praktisch wie neu, sind es aber nicht. Er konnte keine Mängel im Laufe des Services feststellen. Ja, ich habe wieder Urlaub genommen und bin zu Peter nach Bistrica ob Dravi (nahe Maribor) geradelt.

Eine fantastische Tour, wenn auch mit zwei Tagen knapp bemessen, der Weg führt auf der Route Eurovelo 9, fast ausschließlich auf gut beschilderten Radwegen, bzw. Nebenstraßen, es gibt aber auch kurze Strecken auf Hauptstraßen. An einem Mittwoch radelte ich in der Früh bei 6 Grad Celsius los, das Herz des Liegeradfahrers bleibt aber nicht lange kalt dank netter Menschen und Begegnungen. Auf der Höhe von Mönichkirchen wartete zuerst Regen, später auf ca. 900m Höhe sogar Schneefall auf mich. Ich kann laut sagen, dass meine Seele nicht nur von einem hervorragenden Johannisbeerenschnaps erwärmt wurde, welchen ich von einem Herrn aus der Steiermark als Frostschutz erhielt, sondern auch Peters herzliche Gastfreundschaft hat in großem Maße dazu beigetragen. Wer schon einmal das Glück hatte, dies zu erleben, der weiß, wovon ich spreche. Im Nachhinein nochmals herzlichen Dank, Peter!

Es ist nichts zu Danken. 😉 Alleine wurde ich es nie machen aber hat mich auch spaß gemacht!

Neben Radservice, netten Unterhaltungen, Erzählungen, sehr gutem Essen und dem Ansehen einer Musical-DVD hat er mich in eine neue Dimension des Liegedreiradfahrens eingeführt. Wir sind nämlich in Pohorje mit der Seilbahn auf 1200m Höhe hinaufgefahren und was danach erfolgte, war für mich ein großes Abenteuer, ein echtes Erlebnis, welches ich garantiert nie vergessen werde. Ich hatte das Glück, unter Peter´s Führung mit einem ICE Adventure HD eine Downhill-Fahrt bei rasender Geschwindigkeit auf holprigen kurvenreichen Schotterwegen zu absolvieren. Ein echter Adrenalinkick.

Man verliert rasant an Höhe und unten angekommen braucht das Herz einige Minuten, bis es wieder ruhig schlägt. Es ist erstaunlich, was Dreiräder aushalten. Ich bin froh, dass ich mich von Peter zu diesem Abenteuer überreden ließ. Leider, wie immer, wenn wir etwas äußerst gerne tun, vergeht die Zeit rasend schnell, was hieß, wieder die Rückreise anzutreten. Oder positiv gesehen: Juhuuuu, wieder mit meinem Baby unterwegs sein! Momentan weiß ich nicht, wo mich der nächste Reiseplan hinverschlägt, es ist nur eines sicher: mein Liegetrike ist garantiert dabei! Ich bin relativ oft auf der Straße zu finden, sei es ein Wochenendtrip nach Melk oder zum Neusiedler See, irgendwo im hügelreichen Burgenland oder eben Richtung Bratislava.

Dieser Artikel ist in Malaga, an der Meeresküste in wunderschönem, inspirierendem Ambiente entstanden, wohin ich aus Zeitmangel leider Flugzeug anstatt Trike nehmen musste. (Außerdem hat sich mein treuer, dreirädriger Gefährte auch einmal Urlaub von mir verdient ;-)). Aber mal schauen, vielleicht wird ein Traum in absehbarer Zeit in Erfüllung gehen…

In diesem Sinne, liegende Grüße

Balazs, der passionierte Liegedreiradfahrer

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