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Europa mit Pino: Die Rückkehr in die fremde Heimat

Europa mit Pino: Die Rückkehr in die fremde Heimat

Ein Flug, ein Ozean, vier Stunden Zeitverschiebung, zwei Welten – Nach fast zwei Jahren Reise, von denen wir die meiste Zeit in Lateinamerika verbrachten, kehrten wir Mitte Februar nach Europa zurück, um von Barcelona die Heimreise nach Mödling anzutreten.

Wir schreiben den 8. November 2014. Ein Hase-Pino-Tandem vollbringt seine Jung-Fernfahrt von Maribor nach Graz und wird bei strömendem Regen Loki getauft. Im Zickzack wackeln wir uns von Slowenien nach Österreich und können uns nicht recht vorstellen auf diesem Gefährt eine lange Reise zu beginnen.

Das hieß nicht nur, sich an das kalte Wetter, sondern auch an die vielen neuen alten Eindrücke zu gewöhnen – Autos, die vor Zebrastreifen halten zum Beispiel, Radwege, Autobahnen auf denen man wirklich nicht mit dem Rad fahren darf, Supermarktkassen, an welchen man seine eigenen Taschen verwenden darf, ohne zuvor nachhaltige Überzeugungsarbeit beim Verkaufspersonal leisten zu müssen (welches dann trotzdem alles noch einmal in ein Plastiksackerl stecken will), Sauberkeit, Organisation, Warmwasser (!). Und wo befindet sich der Mistkübel für das verwendete Klopapier? Ladenöffnungszeiten, Gehsteige (die tatsächlich benutzbar und nicht verparkt sind), Stille (obwohl es im Umkreis von 1 km Autos und Häuser gibt, was in Lateinamerika gleichbedeutend mit Rund-um-die-Uhr-Zwangsbeschallung im gesundheitlich bedenklichen Dezibel-Bereich ist) und so weiter. Auch Loki (unser Hase Pino) musste sich erst einmal sammeln oder – besser gesagt – zusammengesammelt werden, da er den Flug bis auf die letzte Schraube zerlegt in drei großen Schachteln zugebracht hatte.

Zum Glück hatten wir die letzten Jahre regelmäßig die Gelegenheit, radmechanisches Wissen beim Tausch einzelner Teile zu erwerben und zumindest einer von uns hat diese Chance auch genutzt. So konnten wir fast ohne Unterbrechung und Pannen die letzte Etappe unserer Reise antreten.

Diese führte uns von Barcelona aus, das Meer entlang nach Frankreich über Avignon nach Cannes, Nizza und Monaco bis nach Italien, wo wir kurz vor Genua die Küste verließen und über den Apennin nach Mailand fuhren. Von dort ging es weiter nach Osten nach Padua und im Norden an Venedig und Triest vorbei nach Slowenien. Zwei kurze Stopps in Ljubljana und Maribor, wo einst der Grundstein unserer Reise gelegt wurde und uns zu einem kleinen Rückblick bewegt:

Wir schreiben den 8. November 2014. Ein Hase-Pino-Tandem vollbringt seine Jung-Fernfahrt von Maribor nach Graz und wird bei strömendem Regen Loki getauft. Im Zickzack wackeln wir uns von Slowenien nach Österreich und können uns nicht recht vorstellen auf diesem Gefährt eine lange Reise zu beginnen.

Zweieinhalb Jahre und zirka 35.000 Kilometer später kehrt Loki als „alter Hase“ und wir als noch ältere Radler zurück zum Ursprung, nämlich in die Radwerkstatt von Peter Osterveršnik, durch welchen wir einst Loki für uns entdeckten und der somit mitverantwortlich an unserer Reise ist und auch dafür, dass wir die letzten Tage heil überstehen, da er Loki nochmals ein dringend nötiges Service verpasst und somit alpentauglich macht.

Bestens vorbereitet ist die Weiterfahrt nach Graz und Mödling nur noch ein Augenzwinkern und bei herrlichem Wetter kommen wir am 1. April 2017 in Begleitung von Freunden und Verwandten nach Hause (von wo wir am 6. April 2015 weggeradelt waren).

Wir wurden oft gefragt, ob sich das Radreisen in Europa deutlich einfacher darstelle als in Amerika. Im ersten Affekt möchten wir diese Frage mit „ja, natürlich“ beantworten, zögern aber, wenn wir etwas genauer überlegen und antworten dann mit: „Es ist anders“.
Der Reisekomfort ist in Europa deutlich höher, aber – wenn man wie wir auf bezahlte Unterkünfte fast gänzlich verzichtet – mit einem gewissen Planungsaufwand verbunden. Die Suche nach Gastgebern auf diversen Internetplattformen nimmt viel Zeit in Anspruch, wofür man dann aber fast immer mit einer netten Unterkunft, Abendessen und Frühstück belohnt wird. Doch obwohl die Gastgeber sehr freundlich sind, bekommt man fast immer einen Zeitpunkt genannt (meist 18.00 bis 20.00 Uhr), ab welchem man ankommen darf, und es wird vorausgesetzt, dass man am nächsten Tag das Quartier zeitig wieder verlässt.

In Lateinamerika fanden wir zwar weniger oft Gastgeber, diese verfuhren aber meist nach dem Motto: „Komm wann du willst und bleib solange du willst. Das Haus ist offen, der Schlüssel ist unter dem Stein, irgendein Freund oder Familienmitglied wird dich schon hineinlassen.“ Wo wir keine Unterkünfte im Vorfeld organisieren konnten, luden wir uns einfach selbst zu Feuerwehr, Kirche, Gesundheitszentrum, Polizei, Raststation oder Tankstelle ein, was wir in Europa nicht gewagt hätten.

Deutlich komplizierter stellte sich in Europa die Navigation dar. Während wir in Amerika für tausende Kilometer der Hauptstraße (dem oft einzigen asphaltierten Verkehrsweg) folgten und dabei auch auf Autobahnen fahren konnten, verbrachten wir in Europa viel Zeit mit der Suche nach dem besten Weg, besonders wenn es wieder einmal hieß „Radfahrer verboten“.

Als einen deutlichen Gewinn an Reisequalität empfanden wir die gute Infrastruktur in unseren letzten Reiseländern. Wir mussten nicht wie in Mexiko, Peru oder Bolivien weite Strecken ohne Orte überwinden und dementsprechend Wasser- und Nahrungsmittelvorräte mitschleppen, dafür blieben uns aber auch die landschaftlichen Höhepunkte, die sich oft abseits der Zivilisation verstecken, verwehrt.

Um es auf den Punkt zu bringen: In Lateinamerika radelten wir zwischen Höhen und Tiefen, mit ständig neuen Herausforderungen und Erfolgserlebnissen von Abenteuer zu Abenteuer, wobei immer eine helfende Hand zur Stelle war, um uns in problematischen Situationen zu unterstützen. In Europa konnten wir mit konstantem Komfort gemütlich den Radalltag genießen, ohne große Stolpersteine fürchten zu müssen, jedoch auch ohne besonders positive Überraschungen erwarten zu können.

Mit einem lachendenden und einem weinenden Auge sehen wir nun zurück auf die letzten zwei Jahre, froh darüber einen Traum verwirklicht zu haben, traurig mit der Rückkehr in den Alltag zusammen mit den Campingsachen und Radersatzteilen auch einen Teil von uns in der hintersten Ecke des Abstellraums verstauen zu müssen, um sie vielleicht irgendwann für ein neues Abenteuer wieder hervorzuholen.

Claudia und Peter

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