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Mit dem Fahrrad auf einem ungarischen Friedhof

Mit dem Fahrrad auf einem ungarischen Friedhof

Meine diesjährige Fahrradreise (mit ICE Sprint und Tandem Hase Pino) bekam zum ersten Mal eine familiäre Note. Auf dem Weg nach Tschechien schließen sich mir nämlich Mirka und ihre Tochter Lara an. Für unseren ersten längeren Streifzug mit dem Fahrrad wählte ich ein einfaches Terrain durch Ungarn und Slowakei. Unser Ziel war das kleine Städtchen Světlá Nad Sázavou, ca. 100 Km nördlich von Brünn, wo die Großmutter von Lara lebt. Also insgesamt 704 Km von Maribor.

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Ich wollte nämlich den beiden meine Art der Fahrradreise vorstellen: Straßen, wo es weniger Verkehr gibt, Schlafen im Zelt, eigene Zubereitung von Mahlzeiten mit einem Brenner, … Also, mehr vagabundenhaft.

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Und das Training? Fast nichts. Als wir uns mit Mirka entschlossen, zu ihrer Mama nach Tschechien mit Fahrrädern zu reisen, rechneten wir zwar mit zahlreichen kürzeren Radausflügen, jedoch gingen die Tage so schnell vorüber und auf einmal war der Tag der Abfahrt da, wir dagegen aber mit ganz wenigen Kilometern in den Beinen.

Aber wie ich es immer wieder sage, für eine Fahrradreise braucht man nicht viel Kondition. Ich selbst machte mir nicht so viele Gedanken darüber, wie es uns gehen wird, Mirka dagegen wusste aber so wieso nicht, was eigentlich auf uns zukommt. Lara hatte in Gedanken bloß eines: ich werde Großmutter wiedersehen. Ihr einziges Ziel war, so schnell wie möglich zu Großmutter zu kommen. Und dank ihr, fuhren wir wirklich jeden Tag weiter. Es passierte einige Male, dass sie die Rast ganz einfach überspringen wollte. Ohne erst die Besichtigung der Städte zu erwähnen…

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Im Hinblick auf das schlechte Wetter in Slowenien hatten wir auf dem Weg enormes Glück. Wir blieben stets trocken, obwohl wir in der Weite häufig den schwarzen Himmel und starken Regen beobachteten. Einige Male sind wir wirklich ganz knapp davongekommen, obwohl sich die Mädels in manchen Augenblicken sogar wünschten, dass wir in den Regen kommen würden. Vor allem würde eine Erfrischung während eines längeren Aufstiegs gut tun.

Die ersten ein paar Tagen fuhren wir mit dem Fahrrad nur durchs Flachland mit einigen Ausnahmefällen, und die Mädels stimmten mir zu, dass das Radfahren durch das weite Flachland langweilig sein kann und wir uns alle schon die Berge wünschten. Lara machte sich das Flachland mit dem Klettern auf die Strohballen vielfältiger. Also, wenn wir in den Bergen waren, bekamen wir – wie ich es schon gewöhnt bin – gelegentlich Sehnsucht nach dem Flachland. Doch trotzdem siegt ein bewegtes Terrain. Auf einem von den Aufstiegen stoßen wir auch auf Schotterstraße und gingen so einen Teil unserer höchsten Gefällstrecke zu Fuß. Als Belohnung bekamen wir das längste asphaltierte Herabsteigen auf den Weg. Erfrischend durch den Wald ins Tal!

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Vielleicht fragen Sie sich, warum hat dieser Artikel so einen Titel? Ich selbst habe schon vier längere Fahrrad-Abenteuer hinter mir und u.a. benutzte ich auf dem Weg sehr häufig die Anwesenheit des Wassers auf den Friedhöfen. Letztes Jahr im Griechenland übernachtete ich sogar auf einem. Und immer, wenn ich das erwähne, wundern sich die Menschen, dass ich mich überhaupt traue auf einem Friedhof zu schlafen. Das gleiche war auch mit meinen zwei Mädels. Auch die zwei konnten nicht verstehen, dass das eine ausgezeichnete Wahl sein kann. Und als ich über unsere gemeinsame Radtour nachdachte, dachte ich keinen Augenblick daran, auf einem Friedhof zu übernachten. Das ist nämlich keinesfalls etwas, was man in Voraus planen könnte.

Am zweiten Abend, schon tief in Ungarn, sahen wir während der Suche nach einem geeigneten Nachtquartier einen einsamen Pflaumenbaum mit strahlend reifen Früchten. Wir hielten an und naschten die köstlichen Pflaumen. Weiterhin führte, zusammengedrückt zwischen dem Wald und dem Feld, ein Fahrweg. Ich entschied mich die Möglichkeit unseres möglichen Nachtquartiers hinter der Kurve zu überprüfen.

Ich ging durch die Straße und vor mir zeigte sich ein Friedhof mit Wasser und einem Dach über den Eingang in die Kirche. Mir leuchteten die Augen. Ganz begeistert lief ich zurück, um das Mirka und Lara zu erzählen. Ups,… Werden sie überhaupt bereit sein, auf den Friedhof zu schlafen? Als ich sie erblickte, schrie ich ganz laut, dass ich ein ideales Nachtquartier fand. Ich fügte hinzu: “Ich weiß nur nicht, ob ihr hier überhaupt übernachten wollt. Ist aber ideal!” Mit einem breiten Lächeln im Gesicht ging ich auf sie zu. In der Zeit pflückten sie eine Mütze voll von Pflaumen.

Zusammen gingen wir Richtung Kurve und ich spürte etwas Nervosität im Magen. Wie wird das ablaufen? Mirka war sofort über das Vorhandensein der Wasserleitung begeistert und wirkte überhaupt nicht schockiert. Eigentlich hatten wir überhaupt keine Debatte darüber, irgendwohin anders hin zu gehen. Die Mädels begannen die Wäsche zu waschen und persönliche Hygiene vorzunehmen. Ich kochte inzwischen das Abendessen und wir gönnten und auf der Bank die verdiente Mahlzeit.

Als es langsam dunkel wurde, machten wir uns das Bett unter dem Dach der Kirche und wachten am nächsten Tag sauber und erholt auf. Am dritten Tag suchten die Mädels schon den geeigneten Friedhof für das Nachtquartier. Jedoch war dieser in Ungarn der einzige auf unserem diesmaligen Streifzug.

Ja, dieser familiäre Fahrradstreifzug wird mir vor allem wegen der Nachtquartiere in Erinnerung bleiben. Noch dreimal nächtigten wir nämlich auf interessanten Standorten. Und zwar sehen wir uns den Gegensatz eines ruhigen Friedhofs mal an, und springen wir weiter nach Tschechien.

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Inmitten der Felder neben dem Wald, einige Kilometer von kleinem Dörfchen entfernt, fanden wir den idealen Standort. Auf dem Maisfeld nicht weit davon entfernt, »klauten« wir für jeden einen Mais und setzten uns am Rande des Waldes nieder. Einmaliger, ruhiger Standort. Es dauerte aber nicht lange, als wir Imker bemerkten, die ein wenig tiefer im Wald die Bienenstöcke sichteten. An uns vorüber fuhr eine Gruppe von fünf oder sechs Radfahrern. Die meisten, die wir je auf einmal zusammen sahen. Und am Abend flog in der Luft ein Motordrache. So viel Geschehen auf einem so abgelegenen Ort…

Aber das ist noch nicht alles. Mitten in der Nacht blendete jemand mit einer starken Lampe in das Zelt hinein und grunzte. Ganz schläfrig fragte ich Mirka, was dieser Mensch sagt, und ihre Antwort lautete etwa so: “Der Jäger beklagt sich, dass wir ihm mit unserer Anwesenheit den Wildschwein erschreckten und ihm alle Pläne über den Bord warfen.”

Fünf Meter vom Zelt entfernt war nämlich auf den Baum eine Leiste aus Stahl mit gepolstertem Sitz oben auf angelehnt. Das bemerkte ich zwar am Abend, jedoch dachte ich nicht daran, dass in dieser Nacht jemand noch darauf sitzen könnte. Zwar weiß ich nicht, was darauf geschah, weil ich sofort wieder einschlief, doch der Jäger kletterte angeblich auf die Leiste und machte sich das Gewehr zum Einsatz bereit. Wer hätte das gedacht… All das auf einem so abgelegenen Standort…

Etwas ruhiger war in der Tat auf dem Fußballplatz, am ersten Abend in der Slowakei. Nach etwas mehr als 80 Fahrkilometer erblickten wir nämlich einen schön eingerichteten Fußballplatz mit einem Vordach an der Seite. Auf Anhieb entschlossen wir uns für diesen Tag die Fahrt zu beenden.

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Auf dem Sportplatz tobten die Knaben aus dem Dorf hinter dem Ball und obwohl wir in der Slowakei waren, war noch immer das Ungarische zu hören. Einer von den Jungs kam zu Lara und fragte sie in Slowakisch, ob sie Lust hat mit ihnen Fußball zu spielen. Wenn sie die Mutter nicht dazu überreden würde, würde sie sich gewiss nicht anschließen, weil sie sich zu sehr genierte. Aber im Unterschied zu Mirka und mir, mangelte ihr gewiss nicht an Energie. Als ob sie ganz frisch wäre, rannte sie hinter dem Ball los, ihre Mutter dagegen besetzte den Trainerstuhl ein. Die Jungs waren von der neuen Mitspielerin begeistert!

Später plauderten wir mit den Eltern eines der Jungen über unseren Weg und ich nutzte die Gelegenheit und erkundigte mich über die Straße durch das geschlossene Gebiet im Norden der Slowakei. Dieser Herr erinnerte sich auf einen Freund, der in diesem Teil lebt und versprach ihn anzurufen und uns später mitzuteilen, wie es um die Straße steht. Er kam wirklich mit der ausgezeichneten Nachricht zurück, dass wir über diese Straße fahren können. Mit sich brachte er noch drei Stück von frisch gekochten Mais und ein paar Tomaten und Paprikas aus eigenem Garten. Hinsichtlich darauf, dass wir dieses Jahr unsere erste Ernte bepflanzten und vermissten am meisten die Gemüse aus unserem Garten, waren wir über den Leckerbissen außerordentlich erfreut.

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Auf diesem Fahrrad-Streifzug lernten wir den richtigen Platz für das Nachtquartier zu finden. Aber viel wichtiger als das ist die Versorgung mit dem Trinkwasser. Ohne Wasser, vor allem an einem heißen Sommertag, ist das Radfahren nicht möglich. Ich selbst bin gewöhnt, das Wasser bei jeder Gelegenheit laufen zu lassen. Ich lernte, dass ich niemals eine Quelle vernachlässigen darf, obgleich mir in diesem Augenblick am Wasser noch nicht mangelt.

Ich würde es mir trauen zu behaupten, dass für Mirka die größte Herausforderung war gerade um das Wasser zu bieten. Sie würde alles tun, um das Wasser auf einem Friedhof oder irgendwelcher anderen “öffentlichen” Wasserleitung zu finden, wo man dafür keinen “quellen” muss. Sie mied auch Bifés und Bars, als würde sie sagen wollen, dass sie dort das Wasser verkaufen. Ich selbst habe diese Vorbehalte nicht mehr und bat an einem Sonntagabend um das Wasser auch im Laden, wo sie das Wasser in der Tat in Plastikflaschen verkaufen. Eine Chinesin schenkte mir es dagegen ein, ohne mich sonderbar anzuschauen. Wir machten ihr aber auch etwas Umsatz, weil uns die weißen Trauben zu sehr ins Auge gefallen sind. Und wenn man schon einen Einkauf macht, kauft man noch Eier, Würste,… Die Trauben sahen nicht nur schön aus, sie waren auch ausgezeichnet!

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In dem slowakischen Dorf Senica stellten wir während der Suche nach Wasser enttäuscht fest, dass bei der Kirche aus dem Wasserhahn nicht mal ein Tropfen Wasser fließt. Wir suchten eine andere Wasserquelle, als knapp vor uns Daniel anhielt, der mit dem Fahrrad aus anderem Teil des Dorfes kam und gerade die Tür zu seinem Hof öffnete. Mit etwas Anregung meinerseits ermutigte sich Mirka nach dem Wasser zu fragen. Wir erfuhren, dass Daniel ein ausgezeichneter Tischler ist, weil er am Hof schöne Holzmöbel hatte und Mirka nicht still sein konnte. Mit Frischwasser und positiver Erfahrung machten wir uns weiter auf den Weg.

Später kam in der Slowakei der Tag, an dem Mirka in das noch nicht geöffnete Hotel trat und um das Wasser bat. Sie überwindete zwei Hindernisse. Sie tat etwas, was sie sonst nie tun würde. Und gerade in solchen Fällen, wenn man einen Fremden um etwas bietet – sei es um Wasser oder Hilfe bei der Navigation – kommt man in Wirklichkeit zu der Erkenntnis, dass die Menschen freundlich sind und man verheddert sich mal auch in ein längeres Gespräch und gewinnt eine neue Erinnerung.

Meiner Meinung nach sind gerade solche Kontakte, mit lokalen Menschen, das Wesentliche von einem Fahrrad-Streifzug. Die Verbundenheit mit der Umgebung, in der man sich befindet. Beobachtung der Natur während der Radtour. Auf jeden Fall ist es schön schöne Architektur zu sehen; vor allem habe ich in Erinnerung zauberhafte steinige französische Dörfchen. Jedoch dieses echte Erlebnis ist zweifellos eine Kombination von allem.

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Am meisten hatte es Lara eilig, weil sie sich wünschte, so schnell wie möglich zu Großmutter zu kommen. So wollte sie momentweise keine Rast oder Besichtigung irgendwelcher Stadt. Ganz einfach wollte sie weiter zum Ziel. Deshalb hatten wir es manchmal zu eilig. Ein paar Mal trieb uns auch das Wetter, aber wie ich es schon erwähnte, hatten wir immer Glück und beobachteten lediglich nur aus der Ferne die Gewitterwolken.

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Wir waren neun Tage mit dem Fahrrad und besiegten eine Weite von 704 Km. Wir lernten Radfahren durch endlose Flachländer kennen, als auch gebirgiges Terrain. Allen gefällt mehr das Letztere, obwohl man sich an den Gefällsstrecken oft fragt, warum man nicht lieber auf dem Flachland ist. Interessante Erfahrung war zu Dritt in einem Zelt für 2,5 Personen zu schlafen. Noch besonders dann, als ich mir die Socken auszog 😉

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Mirka gefiel es am besten, dass sie viel Zeit mit ihrer 11 jährigen Tochter verbrachte. Auf dem Tandem Hase Pino waren sie die ganze Zeit beieinander. In der Tat verbringen sie nie so viel Zeit miteinander. Lara wusste über unseren Fahrrad-Abenteuer keine Meinung zu äußern. Für sie war das alles lediglich nur ein Weg zur Großmutter und wusste nicht zu sagen, ob sie lieber zu ihr mit dem Auto oder mit Fahrrad fahren würde. Als würde sie sagen wollen, es wäre ganz egal.

Aber als wir im Spielfeld vom Zug hinabstiegen und ich erwähnte, dass ich das Fahrrad und den Anhänger verkaufen werde, fragte sie mich: “Und wie werden wir noch irgendwann Mal Radfahren können?” Ich bin der Meinung, dass sie mir mit dieser Frage die Antwort gab, die ich vorher suchte, aber nicht bekam. Ich hoffe, dass sich mit diesem kurzen Abenteuer für sie eine etwas andere Ansicht auf die Welt öffnete. Das wäre wahrscheinlich das größte Geschenk, das ich ihr schenken kann.

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Mirka reagierte am intensivsten in Tschechien, als wir auf einer Nebenstraße eine größere Gruppe von Dorfbewohner in Trachten sahen. Sie konnte ihren Blick nicht von diesen zauberhaften Kleidungsstücken abwenden und obwohl sich Lara weigerte, sind wir zu ihnen gegangen und machten ein paar Fotos. Sie baten uns auch Wein an, doch wir lehnten es ab mit der Begründung, dass auf uns noch einige Kilometer warten. Mirka versetzte dieser Vorfall in die Kinderjahre, als auch sie bei der Folklore tanzte.

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Die beiden Mädels erlebten also ihr Moment auf diesem kurzen Fahrrad-Abenteuer. Mirka die Trachtenkleider, Zeit mit ihrer Tochter und geschenktes Gemüse aus dem heimischen Garten. Lara das Fußballspielen mit ungarischen und slowakischen Jungen, klettern auf Heuballen und meine “duftende” Füße. Mich persönlich beindruckte gerade dieser Zufall mit dem ungarischen Friedhof und natürlich die angenehme Gesellschaft auf dem Weg.

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