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Mit dem Hase Pino durch Kanada und die Vereinigten Staaten

Mit dem Hase Pino durch Kanada und die Vereinigten Staaten

Claudia und Peter schreiben: Wir sind nun bereits “mitten” in Mexiko, senden dir aber nun, wie versprochen, einen Beitrag über unsere Reise durch Kanada und die USA. Hoffentlich geht es euch gut und der Winter nimmt euch nicht zu sehr mit – wir schwitzen gerade bei tropischen Temperaturen und würden uns manchmal über ein wenig Abkühlung freuen (aber bitte nicht zu viel).

Am 20. Juni 2015 landeten wir mit unserem (zum Glück) unversehrten Hase Pino in Kanada. In etwas weniger als fünf Monaten durchquerten wir nicht nur Nordamerika von Ost nach West, sondern fuhren auch anschließend die Westküste entlang durch die USA (und machten einen Abstecher per Mietwagen zu einigen Nationalparks). Doch alles der Reihe nach…

Zunächst wieder ein paar Worte über uns: Wir sind Claudia und Peter und wollen mit Loki (das ist unser Hase-Pino-Tandem) von Österreich über Nordamerika bis Brasilien (und wieder heim) radeln. Das Vorhaben soll über zwei Jahre dauern, etwa acht Monate sind bereits vergangen, einen großen Teil dieser Zeit verbrachten wir in Kanada und den USA.

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Wir kamen gleich am Tag unserer Ankunft in Kanada in Kontakt mit den Behörden, da wir bei unserem ersten Gastgeber in Halifax (an der Ostküste Kanadas) um Mitternacht anläuteten, seine Nachbarn jedoch Lokis Vorderlicht für eine Taschenlampe und uns daraus schließend für Einbrecher hielten – nach Eintreffen eines Polizisten klärte sich das Missverständnis schnell auf, seither versuchen wir Nachtfahrten zu vermeiden.

Unsere Reise führte zunächst von Nova Scotia über New Brunswick nach Quebéc. Besonders Quebéc können wir Radtouristen wärmstens empfehlen, da es dort gut ausgebaute Radwege mit regelmäßigen Einrichtungen für Radfahrer gibt (von Sanitäranlagen bis zu hübschen Rastplätzen).

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Unsere nächste kanadische Provinz war Ontario, das mit über einer Million Quadratkilometern größer als Deutschland und Frankreich zusammen ist, also groß genug um schon ein paar Wochen keine (Provinz-)Grenze zu überschreiten. Für den Europäer unvorstellbare Ausmaße nimmt nicht nur die Landfläche ein und wer den Neusiedlersee für groß hält, hat noch nicht die Großen Seen in Nordamerika gesehen (man könnte wohl problemlos Österreich darin verstecken), welche einen guten Teil der kanadisch-US-amerikanischen Grenze bilden. Entlang der Ufer fanden wir neben Snowmobil-Wegen auch gut gepflegte Radwege und überquerten die Manitoulin-Insel, die größte in einem See gelegene Insel der Welt.

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Schon seit Monaten fieberten wir einem weiteren Highlight auf unserer Route – den Niagarafällen – entgegen, obwohl uns viele Menschen die wir am Weg trafen eine Enttäuschung prophezeiten. Zum Glück irrten sie sich. Da wir früh am Morgen dort waren (um dem Touristenansturm zu entgehen) und die benachbarte Casino-Hotel-Skyline weitgehend ignorierten, waren wir positiv überrascht.

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In anderen Punkten befolgten wir Ratschläge zahlreicher Gastgeber: Wir fuhren (entgegen unserem ursprünglichen Plan) bis an die Westküste Kanadas. Dass wir von Ontario aus nicht zum Mississippi und über New Orleans nach Mexiko fahren werden, beschlossen wir bereits früher. Schließlich entschieden wir uns (auf Anraten einiger erfahrener Tourenradler), den Oberen See auf der US-Seite zu umfahren und verbrachten insgesamt zwei Wochen in Michigan, Wisconsin und Minnesota, wo wir dem Verkehr des kanadischen Highways entgingen und viele Freundschaften schlossen. Besonders die zentraleren Provinzen Kanadas und jene US-Staaten sind von europäischen Zuwanderern geprägt und äußerst gastfreundlich. Hier wurde uns immer wieder ungefragt Hilfe angeboten – sei es ein Quartier, finanzielle Unterstützung, eine Dusche oder einfach ein Eis am Stiel.

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Mit Loki, unserem Hase Pino, erregten wir überhaupt gewaltiges Aufsehen. An manchen Tagen wurden wir vor Supermärkten förmlich mit Fragen zu unserer “außergewöhnlichen Maschine” und unserer Reise festgenagelt. Streng nach dem Motto “freundlich bleiben” erzählten wir unsere Geschichte immer und immer wieder, was sich mit einigen Einladungen “bezahlt” machte. Eines unserer Gastgeberpaare war von Loki sogar so begeistert, dass sie sich umgehend selbst ein Hase Pino bestellten. Diese Art des Tandems spricht aber auch für, so wussten wir es besonders in der kanadischen Prärie zu schätzen, welche sich über hunderte Kilometer erstreckt, kaum Abwechslung bot und uns mit beständigem Gegenwind plagte. Da jedoch Claudia ihre Hände zum Fahren nicht benötigt, konnte sie radeln und gleichzeitig vorlesen. So hatte Peter sein persönliches Audiobuch, er bekam in wenigen Tagen einen 1000-Seiten-Wälzer zu hören.

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Wir fühlten übrigens nicht nur in der Prärie am eigenen Leibe, dass wir Kanada in der “falschen” Richtung durchradelten: Üblicherweise touren Radler von West nach Ost, der Grund ist die Hauptwindrichtung. Doch glücklicherweise passt Loki perfekt auf einen normalen Pick-up und so sparten wir uns viele Kilometer bei ungünstigen Windbedingungen.

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Die letzten hundert Kilometer in der Prärie sollten dem von Wind und eintöniger Landschaft strapazierten Radfahrer üblicherweise durch den Anblick der Rocky Mountains am Horizont versüßt werden. Uns blieb dieser Anblick leider verwehrt. Bedingt durch enorme Waldbrände in den USA (und die daraus resultierenden Aschewolken), sahen wir die Berge erst als wir schon mitten darin waren. Der schlechten Sicht und heftigen Regengüssen zum Trotz bezwangen wir erstaunlich gut sämtliche Pässe. Bergauf sind wir zwar recht langsam – über lange Strecken schafften wir nicht mehr als 6 bis 7 km/h -, doch bergab stellten wir mit etwa 80 km/h einen neuen persönlichen Geschwindigkeitsrekord auf. Zum Glück hatten wir kurz zuvor unsere Bremsbeläge erneuern lassen, da wir zwar mutig, aber nicht waghalsig sein wollen. Loki hat sich glänzend bewährt und brachte uns sicher durch die letzte Provinz British Columbia an die Pazifikküste in Vancouver.

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Wir schwören mittlerweile auf Schwalbe-Marathon-Plus-Mäntel. Zwar bekam unser kleineres Vorderrad ab Irland immer wieder ein Loch, dafür war der Mantel unseres Hinterrads gegen sämtliche Schäden resistent, zumindest für fast 12000 Kilometer. Lokis Hinterrad stellte sich seit Beginn der Reise bedächtig und sicher leicht schräg zur Vertikalen, erst kürzlich fanden wir das Problem heraus: eine lockere Schraube. Den Schlauch unseres Hinterrads tauschten wir nicht aus, dieser versagte plötzlich in Oregon mit einem lauten Knall – er war mitten auf einer Brücke explodiert. Glücklicherweise waren wir nicht allzu schnell unterwegs (Dank sei ausgerechnet dem Gegenwind) und es geschah in der Nähe eines Radgeschäfts.

Unglücklicherweise zerstörte die kleine Explosion nicht nur den Schlauch, sondern auch den halbwegs neuen Mantel. Seither reisen wir ständig mit je einem Ersatzmantel für Vorder- und Hinterrad. Leider benötigten wir bald nach dem ersten Unglück abermals einen neuen, da innerhalb weniger Kilometer zwei Speichen des Hinterrads brachen, worauf das Rad zu eiern begann und dies wiederum den brandneuen Mantel zerstörte. (Loki mausert sich dadurch beharrlich zum kostenintensivsten Reisegefährten, da Schwalbe-Mäntel ja bekanntlich nicht ganz billig sind.)

Die Naturschönheiten der USA schafften es uns immer wieder aufzubauen: Nach Washington radelten wir entlang der atemberaubenden Küste in Oregon, verlassene Sandstrände mit Palmen, Kliffen, aus dem Wasser ragenden Felsen und kleinen Inseln. Für jeden Naturliebhaber ein absolutes Muss sind die Redwoods in Kalifornien, das sind Mammutbaum-Wälder – die mächtigsten Bäume der Welt, welche tausende Jahre alt werden.

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Da der Westen der USA viele Nationalparks zu bieten hat, welche wir mit unserem Rad nicht in drei Monaten (der Dauer unseres Touristenvisums) besichtigen könnten, entschlossen wir uns kurzerhand für einige Tage einen Mietwagen zu nehmen. So kamen wir in den Yosemite-Nationalpark, nach Death Valley, nach Las Vegas, in den Zion-Nationalpark, zum Grand Canyon, in die Mojave-Wüste und in den Sequoia- und Kings-Canyon-Nationalpark. Alle diese Punkte können wir für Reisen herzlich weiterempfehlen, besonders von den Wüsten waren wir begeistert, wenn wir auch das Pech hatten, ausgerechnet in Death Valley, dem tiefsten und einem der trockensten Ort der USA, zwei Tage Regenwetter zu erwischen. Loki ist dankenswerterweise nicht nachtragend und wir stiegen trotz unseres Mietautozwischenspiels wieder gerne auf unser Rad und erreichten ohne gröbere Zwischenfälle die mexikanische Grenze.

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Die Route quer durch den Kontinent an die Westküste verursachte uns einen Umweg von grob 2500 Kilometern oder drei Monaten (gegenüber unserem ursprünglichen Plan); bis Mexiko legten wir etwa 15700 Kilometer zurück. An der mexikanischen Grenze hatten wir gleich ein erstes Problem: Loki war mit all unserem Gepäck zu lang und zu “dick” für eine Drehtüre. Doch dank einer freundlichen Grenzbeamtin schafften wir es in das nächste Reiseland, wo wir uns nun seit zwei Wochen aufhalten und bereits einige Probleme mit unserem vorderen Gepäckträger/Radständer hatten, worüber wir aber in unserem nächsten Reisebericht erzählen werden.

Herzlichen Gruß aus Mexiko (Mazatlán)
(bei einem Stand von 16778 km am Reisetag 238)
senden Claudia und Peter

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