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Mit dem Hase Pino von Kolumbien bis Brasilien

Mit dem Hase Pino von Kolumbien bis Brasilien

Mit dem Hase Pino durch Europa, Nord- und Südamerika
Von Kolumbien bis Brasilien oder über die Anden und durch Wüsten gegen den Wind

Nach fast einem Jahr auf Reisen mit unserem Hase Pino namens Loki betraten wir, Claudia und Peter, Ende März 2016 südamerikanischen Boden (siehe dazu unseren letzten Bericht, der unseren Weg von Mexiko bis zur Ankunft in Kolumbien abdeckt) – jetzt, kurz vor der Rückreise nach Europa wollen wir die letzten zehn Monate Revue passieren lassen und mit euch teilen. Wenn wir in Zukunft an Südamerika denken, werden wir uns sowohl an fantastische Naturkulissen und unvergleichbare Gastfreundschaft als auch an riesige öde Landstriche und unerbittliche Naturgewalten erinnern. Doch alles der Reihe nach.

Die Panamericana führt in Südamerika von Kolumbien über Ecuador, Peru und Chile bis in den Süden Argentiniens. Wir folgten ihr über ungefähr 5000 Kilometer und lernten schnell, dass sie nicht immer eine gut ausgebaute Autobahn mit moderaten Steigungen ist. Bereits in Kolumbien verläuft sie meist nur mit einem Fahrstreifen pro Fahrrichtung von Nord nach Süd – mitten in die Anden hinein. Hier kann man spätestens ab Ecuador atemberaubende Panoramen genießen – nach atem(be)raubenden Anstiegen (lang und steil), auf welche ebensolche Abfahrten folgen. Unsere Höchstgeschwindigkeit gab der Radcomputer mit über 86 km/h an, da musste Claudia Peter und Peter wiederum Loki vertrauen.

Pasto ist eine Stadt im Süden Kolumbiens, an welche wir uns schon nicht mehr erinnern würden, hätte Claudia dort nicht starke Rücken- und Kopfschmerzen bekommen. Wir besuchten ein Krankenhaus und erfuhren nach stundenlangem Warten in drei aufeinanderfolgenden Nächten, nach vielen Untersuchungen endlich: Claudia hatte Dengue. Wir waren zu einer zehntägigen Pause vom Radfahren gezwungen, aber wie so oft hatten wir Glück im Unglück: Der Kraftfahrer Wilson nahm uns nicht nur über viele Höhenmeter bis Pasto mit, sondern auch bei sich und seiner Familie für diese zehn Tage auf. Besonders in jener Zeit lernten wir die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Kolumbianer von der besten Seite kennen.

Zur Erholung von den Bergen gönnten wir uns einige Tage auf den Galapagosinseln, wir nennen solche Auszeiten „Urlaub vom Reisen“. Der Galapagos-Archipel liegt im Pazifik etwa 1000 Kilometer westlich von Ecuadors Küste und beherbergt eine einzigartige Flora und Fauna (welche Darwin zu seiner Evolutionstheorie inspirierte). Wir ließen Loki in Quito und stiegen auf Flossen und Schnorchel um, wodurch wir Riesenschildkröten, Leguane, Pinguine, Haie, Rochen und zahlreiche weitere tierische Wasser- und Landbewohner hautnah zu sehen bekamen.

Zurück am Tandem hatten wir eine Route mitten durch die Anden zur Ruinenstadt Machu Picchu festgelegt. Im Süden Ecuadors ließ uns eine Kombination aus steilen, unasphaltierten Straßen, Dauerregen und unserem doch recht schwer beladenen Tandem unsere Planung über Bord werfen und wir kehrten in Peru an die Küste zurück.

Die Hauptverkehrsverbindung entlang der Küste Perus ist deutlich flacher und auch besser ausgebaut als in den Bergen, doch viel einfacher wurde das Vorankommen für uns nicht, da die Panamericana in Peru zum größten Teil in äußerst kargen Gegenden (zumeist Sandwüsten) verläuft. Orte oder nur einzelne Häuser sind oft 50 bis 100 Kilometer voneinander entfernt und dazwischen ist es manchmal sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, an Trinkwasser zu kommen. Erschwerend für uns kam hinzu, dass wir mit unserer Reiserichtung von Nord nach Süd gegen den vorherrschenden Südwind unterwegs waren, und wir kämpften uns so im Schneckentempo gegen Sandstürme vorwärts. Schnell fanden wir heraus, dass es in Peru recht einfach ist eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen. So legten wir fast die Hälfte der Strecke in Peru auf Pick-ups, in Kleinlastern, auf den Ladeflächen von Sattelschleppern und in einem Autobus zurück.

In einem Lastwagen kamen wir auch am nördlichen Ausläufer Limas, der Hauptstadt Perus, an. Bei einbrechender Dunkelheit und eine halbe Minute, nachdem der Kraftfahrer seinen Weg fortgesetzt hatte, bemerkten wir, dass wir eine Tasche mit wichtigen Wertgegenständen und Dokumenten in der Kabine vergessen hatten. Nach einer Nacht auf einem bewachten Parkplatz fuhren wir am nächsten Tag niedergeschlagen, mit kaum Bargeld und ohne Bankomatkarte durch Lima. Doch das Glück ist mit den Radlern: Auf einem unserer Fotos konnten wir das Kennzeichen des Lasters erkennen und schafften es den Fahrer über die Polizei zu kontaktieren. Abends hatten wir noch immer kein Quartier, liefen aber zufällig (eigentlich sollten wir in einer Zehn-Millionen-Einwohner-Metropole eher von einem Wunder als von einem Zufall sprechen) dem Liegeradfahrer Eddy über den Weg, welchen wir Wochen zuvor über die Website Warmshowers kontaktiert hatten. Er erkannte uns anhand unseres Tandems und nahm uns sogleich zu sich nach Hause mit. Wir blieben auch eine Zeit lang bei Anibal, der selbst Liegeräder baut – schließlich sind diese in Südamerika äußerst schwierig zu bekommen. Wenige Tage nach unserer Ankunft kehrte der Kraftfahrer nach Lima zurück und wir erhielten unsere Tasche mit sämtlichen Wertsachen retour.

Um von Peru nach Brasilien zu kommen, mussten wir die Panamericana verlassen und von der Küste in die Anden auf das so genannte Altiplano gelangen. Das ist eine Hochebene auf etwa 3000 bis 4000 Metern Seehöhe, die sich über weite Teile Perus, Boliviens und Argentiniens erstreckt und früher großteils von Maya-Stämmen beherrscht wurde. Geprägt wird das Landschaftsbild von kargen Ebenen, die nicht sonderlich fruchtbar sind, aber sich immerhin für große Lama- und Alpakaherden eignen sowie zum Anbau von Quinoa, einer Getreideart. Um unsere Kräfte ein wenig zu schonen, besuchten wir per Bus einige Mayaruinen nahe Cusco (darunter Machu Picchu) und den Colca-Canyon (der etwa doppelt so tief wie der Grand Canyon ist).

An der Grenze Perus und Boliviens liegt der Titicaca-See, der uns zum Baden dann doch zu kalt war, schließlich durchreisten wir das Altiplano im Winter. Während die Temperaturen tagsüber in angenehme Bereiche kletterten, wurde es nachts mit –10 Grad Celsius und weniger so frostig, dass unsere Wasservorräte vereisten; aber immerhin fiel kein Niederschlag. Wir hatten zwar kaum Sicherheitsbedenken in jener Gegend und hätten gerne abends das eine oder andere Lagerfeuer entfacht, doch leider fehlt es in dieser Höhen- und Klimazone an Gewächsen, die Feuerholz liefern könnten. Glücklicherweise haben wir unsere Schlafsäcke nach unseren kältesten Reisedestinationen ausgewählt und nicht nach den wärmeren, so mussten wir nachts nicht zu sehr frieren.

Absolut ohne Vegetation, aber dadurch wiederum beeindruckend und bezaubernd ist die Salzwüste Uyuni im Südwesten Boliviens. Dort gibt es zwar keine Straßen und man könnte mit dem Fahrrad überall fahren, aber aufgrund der starken Winde entschieden wir uns zu einer Ein-Tages-Tour, um nicht inmitten der Ebene bei sturmartigen Winden unser Zelt aufschlagen zu müssen. Für Radfahrer ein weiteres Highlight in Bolivien ist die „Death Road“ (die Todesstraße) nordöstlich von La Paz, welche wir gerne mit unserem Tandem befahren hätten, aber uns kamen mangelhafte Bremsen dazwischen. Nach über 20000 Reisekilometern gaben nacheinander unsere beiden Bremssysteme den Geist (eigentlich: das Bremsvermögen) auf – und wie bei anderen Teilen bemerkten wir, dass die Beschaffung von Ersatzteilen in Südamerika eine schier unlösbare (oder sehr teure) Aufgabe ist. Dankenswerterweise schickte uns ein Freund per Post zwei neue Bremssysteme nach Südamerika – samt Schläuchen und einem Mantel für unser 20-Zoll-Vorderrad. Die Ventile der beiden Schläuche, welche wir in Kolumbien fanden, überlebten aufgrund der hohen Belastung jeweils nicht mehr als zehn Minuten (!).

Unseren kältesten Reisetag erlebten wir nicht etwa auf 4000 Meter Seehöhe irgendwo in Peru oder Bolivien, sondern in Argentinien, als wir die Calchaquíes-Täler durch- und den Infiernillo-Pass überquerten: Wir erreichten den Pass nach einigen Tagen Bergauffahrt erst um 15 Uhr an einem besonders kalten Nachmittag und fuhren bei –15 °C von 3040 Metern ab. Unvorbereiteter Weise trug Peter eine kurze Hose und alle Haare am Körper, die nicht bedeckt waren, froren innerhalb von Minuten ein. Die Flucht in wärmere Gegenden wurde dadurch begünstigt, dass es über die nächsten 70 Kilometer zirka 2000 Höhenmeter talwärts ging. An jenem Abend fanden wir genug Holz für ein Lagerfeuer, um zu kochen, uns aufzuwärmen und noch gemütlich beim Schein der Flammen unsere nächsten verrückten Pläne zu schmieden.

Uruguay bietet einen zentraleuropäischen Lebensstandard und in der Hauptstadt Montevideo fanden wir unser bisher höchstes Quartier auf dieser Reise, nämlich im elften Stock – Loki passte irgendwie in den Lift. In diesem Land erreichten wir auch den südlichsten Punkt unserer Reise und stießen wieder auf den Atlantik. Seitdem geht es nach Norden; gefühlsmäßig ging es jedoch schon seit Argentinien heimwärts. Die Menschen, das Stadtbild, selbst der Verkehr, die Tiere, Speisen und Preise wurden wieder „europäischer“, und wir freuen uns bald auf den alten Kontinent zu kommen.

Bevor wir aber nach Europa zurückkehren, legten wir an der Atlantikküste weitere 4500 Kilometer zurück und kamen durch Brasilien über Rio de Janeiro bis Salvador. Wieder machte uns der Gegenwind zu schaffen und wir bewältigten den härtesten Anstieg unserer gesamten Reise, obwohl wir nur auf eine Seehöhe von 350 Meter klettern mussten, dafür mit Steigungen, bei welchen wir Loki nicht mehr fahren und fast nicht schieben konnten. Völlig fertig fanden wir einen freundlichen Brasilianer, der uns über die letzten zehn Kilometer zwei weitere Hügelchen ersparte und an unser Tagesziel brachte – in einem kleinen Pkw, Lokis bisher kleinster Mitfahrgelegenheit. Zu Wind und Hügeln kamen zuletzt Probleme mit unserem Hinterreifen hinzu. Hatten wir bisher in Lateinamerika Schwierigkeiten Ersatzmaterial für unseren 20-Zoll-Reifen zu finden, so wurde es uns in Brasilien unmöglich Mäntel oder Speichen unserer Wunschabmessungen in guter Qualität für 26 Zoll zu finden. Erst in Salvador entschieden wir uns radikal dazu, die komplette Felge samt Speichen auszutauschen – der Mantel wird in Europa folgen.

Seit einigen Wochen befinden wir uns an unserem Reiseziel in Südamerika, Lauro de Freitas bei Salvador. Wir tüfteln nun an einer Möglichkeit Loki ins Flugzeug zu schummeln (da wir am Informationsschalter unserer Airline am Flughafen eine ziemliche Abfuhr erhielten und auf die Frage, in welcher Form wir unser Rad mitnehmen könnten, die Antwort bekamen: überhaupt nicht, auf gar keinen Fall). Außerdem versuchen wir den „besten“ Weg durch Europa (Barcelona – Mödling) zu finden. Darüber, ob und wie wir es schlussendlich nach Europa und nach Hause geschafft haben, berichten wir später in einem kleinen Rückblick über die gesamte Reise.

Peter und Claudia

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